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| 9.12. Verallgemeinerte Differenzierbarkeit |
Methoden der linearen Algebra mit Begriffen aus der Analysis zu kombinieren, führt oft zu reichhaltigen, neuen Theorien. In diesem Abschnitt soll eine solche Kombination am Beispiel der Differenzierbarkeit vorgestellt werden. Die resultierende neue Theorie, die Distributionentheorie, wurde gegen Ende der 40er Jahre von Laurent Schwartz entwickelt.
Wir beschränken uns auf einige grundlegende Aspekte der Distributionentheorie, die bereits mit sparsamen Bedingungen entwickelt werden können. Die folgenden drei Punkte sind daher zu beachten:
Wir beginnen mit der Bereitstellung der für die Theorie notwendigen Grund- oder Testfunktionen. Dabei sei noch einmal an den Begriff "Träger einer Funktion" erinnert: supp g = {x Î R | g(x) ¹ 0}.
| Definition: Die Funktionen aus
C0 ¥ :=
C0 ¥(R ) := {g Î
C ¥(R )
| es gibt ein Intervall [a,b] so
dass supp g Ì [a,b]}
nennen wir Testfunktionen. |
Beachte:
Eine C ¥-Funktion ist
also nur dann eine Testfunktion, wenn sie außerhalb eines geschlossenen
Intervalls nur den Wert 0 annimmt. Unter den gewöhnlichen C ¥-Funktionen
findet man ein solches Verhalten eher nicht. Es müssen also Beispiele
konstruiert werden.
| Dabei spielt die Funktion f
: R ® R
gegeben durch
f(x) :=
|
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eine große Rolle. f ist eine C ¥-Funktion, denn wir zeigen für alle n Î N:
| f Î C n(R ) und mit geeigneten Konstanten a1,...a2n gilt: | . |
Dem Induktionsbeweis stellen wir zunächst eine Abschätzung voran, die während der Induktion benötigt wird:
Für i Î N
und x > 0 erhält man aus
die Ungleichung:
Nun zur Induktion selbst:
1. Wir weisen die Differenzierbarkeit von f in jedem x Î R nach und unterscheiden dazu drei Fälle:
| · | x > 0: Hier ist f lokal identisch mit | , also differenzierbar nach Kettenregel. Mit a1 := 0, a2 := 1 ist: |
2. Sei jetzt f n-mal differenzierbar und f (n)(x) wie angegeben zu berechnen. Um nun die Differenzierbarkeit von f (n) sicherzustellen, sind wieder die drei charakteristischen Fälle zu unterscheiden:
| · | x > 0: Hier ist f (n) lokal identisch mit | , also differenzierbar nach Produkt- und Kettenregel. |
|
Die Ableitung errechnet man mit geeignet gewählten Konstanten a'i
zu: |
Mit Hilfe dieser C ¥-Funktion
f lassen sich nun leicht Beispiele von Testfunktionen herstellen.
| Beispiel: Für jedes r >
0 ist die Funktion gr : R
® R gegeben durch
eine Testfunktion mit supp gr Ì [-r,r]. Beweis: Nach Kettenregel ist gr
eine C ¥-Funktion.
Ihr Träger ist eine Teilmenge von [-r,r], denn ist | x
| > r, so ist r2
- x2 <
0, also: f(r2 -
x2) = 0. |
Oft setzt man eine normierte Form der gerade konstruierten Testfunktion gr
ein. Weil nämlich gr(x) > 0 für alle x Î
] -r,r [,
ist
.
Die Funktion
ist somit eine Testfunktion mit der besonderen Eigenschaft
.
Die folgenden Skizzen zeigen die Funktionen g1 und g1 0.
g1![]() |
g1 0![]() |
Ein weiteres Beispiel dokumentiert die hohe Flexibilität der Testfunktionen.
Überdies sind die hier eingeführten Hut-Funktionen ein unentbehrliches
Hilfsmittel bei der Entwicklung allgemeiner Integrale. Wir notieren zwei Varianten.
Beispiel: (Satz vom C ¥-Hut)
Beweis: Zu 1.: Wir setzen wieder die oben eingeführte C ¥-Funktion
f ein.
f(x2 - r2)
+ f(s2 - x2)
> 0.
Die Funktion Zu 2.: Wir gewinnen einen C ¥-Hut
für [c - e,d + e] durch eine
geeignete Verschiebung der gerade konstruierten Funktion h:
Ist x Î [c,d], so
ist
. |
Beliebige Funktionen nehmen definitionsgemäß außerhalb ihres Träger nur
den Wert 0 an. Bei einer C0 ¥
-Funktion g gilt dieses Verhalten in geeigneten Bereichen sogar für alle
Ableitungen g(n)! Die folgende Bemerkung führt dies
präzise aus:
Bemerkung: Es sei g Î
C0 ¥
und [a,b] ein Intervall, das den Träger von g
umfasst, also supp g Ì [a,b].
Dann gilt für alle n ³ 0:
Beweis: Zu 1.: In jedem Punkt x < a bzw. x > b ist g lokal identisch mit 0, stimmt hier also mit dem Ableitungsverhalten der Nullfunktion überein. Zu 2.: Als differenzierbare Funktion ist g(n)
in a stetig. Mit g(n)(x) = 0 für alle x < a ist somit auch: g(n)(a) = 0. |
Die folgende Definition vermischt nun Inhalte der Analysis mit algebraischen
Aspekten.
| Definition und Bemerkung: C0 ¥
ist ein Untervektorraum von C ¥(R ).
Den zugehörigen Dualraum, also den Vektorraum der Linearformen auf C0 ¥
bezeichnen wir mit dem Symbol
D := C0 ¥
'
= {L : C0 ¥
® R |
L ist linear}
Die Elemente von D nennen wir verallgemeinerte Funktionen oder Distributionen. Beweis: Wir weisen für C0 ¥ die drei kennzeichnenden Eigenschaften eines Unterraums nach:
|
| Beispiel: Die Diracsche Deltaform da
ist nach einem Beispiel in 9.10 eine Distribution. |
Das nächste Beispiel stellt eine ganze Gruppe von Distributionen vor. Der Ausdruck verallgemeinerte
Funktion hat hier seinen Ursprung.
Definition und Beispiel: Ist f
: R
® R eine
stetige Funktion, so ist durch die Festsetzung
eine Distribution Lf gegeben. Distributionen dieser Form nennen wir regulär. Beweis: Als stetige Funktion ist fg integrierbar. Wir zeigen zunächst: Das Integral hängt von Wahl des Intervalls [a,b] nicht ab, Lf (g) ist also wohldefiniert. Sei dazu [a',b'] ein weiteres
Intervall
mit supp g Ì [a',b'].
Setzt man a* := min{a,a'}
und b* := max{b,b'}, so ist
[a,b]
, [a',b'] Ì [a*,b*].
Auf den (möglicherweise einpunktigen) Teilintervallen [a*,a]
und [b,b*] ist g = 0, man hat also:
.
Dieselbe Überlegung für das Intervall [a',b'] führt zu
.
Sind g1, g2 Î
C0 ¥
mit supp g1 Ì [a1,b1],
bzw. supp g2 Ì [a2,b2],
so gilt mit a := min{a1,a2}
und b := max{b1,b2}:
supp a1g1 +
a2g2 Ì [a1,b1]
È [a2,b2]
Ì [a,b].
Und da, wie gerade gezeigt, das Integral nicht von der Wahl des Intervalls abhängt, kann man zur Berechnung das Intervall [a,b] heranziehen:
.
|
Beispiel:
Beweis: Zu a.: Für g Î
C0 ¥
mit supp g Ì [a,b]
hat man:
.
Zu b.: Angenommen, es gibt eine stetige Funktion f, so dass Lf =
da. Da f
auf jedem abgeschlossenen Intervall beschränkt ist, findet man ein r >
0, so dass
.
Sei nun h ein C ¥-Hut
für [a -
r,a + r]. Die folgende Abschätzung liefert den
gewünschten Widerspruch:
.
|
Die regulären Distributionen Lf
sind durch "ihr" f eindeutig bestimmt.
| Bemerkung: Für zwei stetige Funktionen f, h : R
® R gilt:
Lf =
Lh Þ
f = h.
Beweis: Sei a Î R
beliebig. Es reicht nun, eine Folge (gn) in C0 ¥
zu finden, so dass für jede stetige Funktion
f : R ® R gilt:
Lf
(gn)
® f(a). Dann nämlich kann man
folgendermaßen argumentieren:
f(a) = lim Lf (gn) = lim Lh(gn)
= h(a).
Zur Konstruktion einer solchen Folge (gn) setzen wir die normierten Testfunktionen gr 0 aus dem ersten Beispiel ein. Da Integrale verschiebungsunabhängig sind, ist auch die Funktion
eine normierte Testfunktion: . Sei nun
.
D.h. also: f(x*)
£
Lf (gn) £
f(x*). Nach Zwischenwertsatz gibt es daher ein xn ~
zwischen x* und x*,
so dass
Lf (gn)
= f( xn ~ ).
Da nun offensichtlich xn ~ ® a, folgt schließlich aus der Stetigkeit von f :
Lf (gn)
= f( xn ~ )
® f(a).
|
Reguläre Distributionen entstehen aus einer Funktion per Integration. Unser Integral, das Stammfunktionen-Integral, ermöglicht es, diesen Vorgang für jede stetige Funktion durchführen. Mit einem leistungsstärkeren Integralbegriff ließe sich allerdings eine größere Gruppe von Funktionen, die sog. lokal-integrierbaren Funktionen, zur Bildung regulärer Distributionen heranziehen.
Die nachfolgenden Konstruktionen haben zum Ziel, wenigstens den Indikatorfunktionen von Intervallen reguläre Distributionen zuzuordnen. Dabei werden wir zwischen einem offenen und einem abgeschlossenen Intervall keinen Unterschied machen. Die Bezeichnung (c,d) stehe daher im Weiteren für irgendein Intervall, wie z.B. für [c,d[.
Definition: Für ein festes c Î R
setzen wir zur Abkürzung b* := max{c,b}. Durch die Festsetzung
ist eine Distribution Lc(c,¥[ = Lc[c,¥[ = Lc]c,¥[ gegeben. Beweis: Wir gehen wie bei der Einführung der Distribution Lf vor. Wie dort zeigen wir zunächst: Das Integral hängt nicht von der Wahl des Intervalls [a,b] ab. Sei dazu [a',b'] ein weiteres Intervall, das den Träger von g umfasst. O.E. sei etwa b £ b' und damit auch b* £ b'*. Folgt:
, denn g(x)
= 0 für alle x Î [b*,b'*].
Zur Linearität: Sei g1, g2 Î
C0 ¥
mit supp g1 Ì [a1,b1],
bzw. supp g2 Ì [a2,b2].
Mit a := min{a1,a2}
und b := max{b1,b2} hat man
wieder
supp a1g1 +
a2g2 Ì [a1,b1]
È [a2,b2]
Ì [a,b],
und setzt bei der Integration das Intervall [a,b] ein:
|
Analog führt man für ein festes d Î R
die Distribution Lc]-¥,d
) = Lc]-¥,d
] = Lc]-¥,d
[ ein. Für ein beliebiges Intervall (c,d) setzen wir:
Beispiel:
|
Wir verallgemeinern nun den Ableitungsbegriff. Die Regel der partiellen
Integration liefert dabei einen entscheidenden Hinweis:
Für eine stetig differenzierbare Funktion f und eine
Testfunktion g Î C0 ¥
mit supp g Ì [a,b] hat man nämlich:
| Definition: Für L Î
D und n Î N setzen wir
L(n)(g) := (-1)nL(g(n)), g Î
C0 ¥ .
L(n) heißt die n-te Ableitung
von L. Wie üblich schreiben wir L', L",...
statt L(1), L(2),... und setzen zusätzlich
L(0) = L. |
| Bemerkung: L(n) Î
D. Beweis: Zunächst beachte man, dass mit g auch g(n) Î C0 ¥ , L(n) ist also wohldefiniert. Es bleibt also nur noch die Linearität von L(n) nachzuweisen:
|
Die Distributionenableitung setzt in geeigneter Weise die klassische Ableitung fort, es handelt
sich also um einen verallgemeinerten Ableitungsbegriff:
| Bemerkung: Für f Î
C n(R
) gilt:
(Lf )(n)
= Lf (n).
Beweis: Sei g Î C0 ¥ mit supp g Ì [a,b]. Zunächst gilt nach einer Bemerkung zuvor: g( i )(a) = g( i )(b) = 0 für alle i £ n - 1. Die partielle Integration kann also ohne Berücksichtigung der Randwerte ausgeführt werden:
.
|
Im Distributionensinn können jetzt aber auch Funktionen abgeleitet werden,
die im klassischen Sinn nicht differenzierbar sind! Wir zeigen dies am Beispiel
der Betrags- und der Heavisidefunktion.
Beispiel:
Beweis: Sei g Î C0 ¥ mit supp g Ì [a,b]. Für b* := max{0,b} und a* := min{a,0} gilt zunächst: g(a*) = 0 = g(b*), und damit:
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Von den klassischen Ableitungsregeln lassen sich die Summen- und die
Faktorregel bequem übertragen. Die anderen Regeln stehen überhaupt nicht zur
Diskussion, denn für Distributionen sind weitere Rechenarten nicht definiert.
Bemerkung: Für K,L Î
D gilt:
Beweis: Sei g Î C0 ¥ beliebig. Zu 1.: (K + L)' (g) = -(K + L) (g') = -K (g') - L (g') = K' (g) + L' (g). 2. zeigt man analog. Zu 3.: (a
K)' (g) = -(a
K) (g') = -a
K (g') = a
(-K (g')) = a
K' (g). |
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